Zur Kulturentwicklung

1. Toleranz und Herdenstruktur

Früher dachte ich, dass Toleranz immer möglich ist. Aber inzwischen musste ich diese Sichtweise ändern, da sie einfach nicht stimmt, denn sobald Strukturen der Herdenbildung das Miteinander beherrschen, kann Toleranz nicht existieren. Wie ist das zu verstehen?
In einer Herde schließen sich Lebewesen zusammen, die in gleicher Art dem Leben begegnen. Für diese Art des Lebens wird ein eigenständiges Denken nicht benötigt. Ja, es wäre sogar sehr störend. Sie hat Anführer und Mitglieder. Eigenständig gedacht wird nicht und dennoch "verstehen" sich die Mitglieder. Dies ist möglich, da der eine in der gleichen Weise "denkt", fühlt und letztlich handelt wie der andere. Toleranz kann i
n einer solchen Gruppe nicht existieren, da  Kommunikation hier nur möglich ist, wenn eine Intoleranz gegenüber dem Fremden besteht. Die Herde bildet den Lebensraum der Mitglieder und sie ihr der Schutz, auch der des Anführers. Die Trennung von der Herde bedeutet unter diesen Bedingungen den Tod. 

Auf der Grundlage dieser Strukturen ist die Persönlichkeit im Mittelalter entstanden. Und so ist es nicht verwunderlich, dass in dieser Weise sowohl Tiere, aber auch Menschen immer noch Gruppen b.z.w. Herden bilden.

Interessanter Weise wird in den Religionen ursprünglich auf eine andere Möglichkeit des Miteinanders hingewiesen.

Diese wurden jedoch bisher fast immer aus der Sichtweise der Herdenbildung interpretiert.

2. Ein System degeneriert

Immer noch  und heute sogar in zunehmendem Maße prägt eine polarisierende Struktur unser Miteinander und das gesellschaftliche Leben. Sie erzeugt fortwährend zwei Lager, das der Führer und der Geführten, der Armen und der Reichen und der scheinbar Mächtigen und Hilflosen. Wir erblicken hier zwei Pole, die dennoch in intensiver Weise aneinander gebunden sind. Diese fixe Struktur wird lockerer, sobald ein Mitglied beginnt einzelne der Bindungsstränge aufzulösen. Eine dieser bindenden Stränge entsteht, indem auf den Anführer das Ideal des wissenden Menschen projiziert wird. In der Realität befindet sich das Wissen dieser Person aber ganz und gar nicht über dem Niveau der sogenannten Geführten. Allerdings sind die Führenden talentiert den Illusionszauber des Wissenden aufzubauen, hierbei werden sie von den Geführten unterstützt, indem diese auf ihn das Bild des Wissenden  projizieren.

Die gegenwärtig häufig bestehende Situation kann in bildlicher Weise wie folgt beschrieben werden. Wir sehen einen Anführer mit seinem Rudel innerhalb eines Prozesses der Degeneration. Innerhalb dieses Prozesses verliert er immer mehr seine Instinkte aus denen heraus er zuvor automatisch wusste, wie sein Rudel zum Wohle aller zu führen ist. Er kann nicht mehr ahnen wie ein gutes Miteinander entsteht und spürt nicht mehr das Wesentliche, das Bedeutende, das die Gruppe befolgen sollte. So ist er unsicher und hat im Grunde keine Ahnung, wie er sich verhalten soll und was zu tun ist. 

Menschen bitten in dieser Situation häufig Fachpersonen um Hilfe, die aber nicht selten auch ein Mitglied oder ein Führer einer solchen "Herde" sind.

Natürlich entsteht aus der Inkompetenz des Anführers viel Leid für die Herde. Folglich entwickelt er eine Panik davor, dass jemand aus dem Rudel seine mentale Invalidität bemerkt. Aber auch die Fähigkeit der HerdenMitglieder, sich führen zu lassen degeneriert. Aufgrund der vielen erlebten Unglücke haben sie begonnen ihr instinktives Vertrauen in den Anführer zu verlieren und können nicht mehr seinen Anweisungen unmittelbar nachkommen. Auch dies erzeugt vermehrt Unglück und destabilisiert die HerdenStruktur. Jedoch lebt das Mitglied in dem Gefühl, dass der Anführer es beschützt und  es auf diesen Schutz angewiesen ist und versucht deshalb diese Realität so lange wie möglich zu verleugnen.

Diese Möglichkeiten sind für zerstören wollende Personen sehr interessant.

Wenn Strukturen, Systeme und Kulturen degenerieren dann erzeugen sie immer mehr und mehr Leiden.

3. Vision einer menschenwürdigen Gemeinschaftsbildung

Wenn alte Strukturen degenerieren und nur noch mittels Gewalt und Manipulationen aufrecht erhalten werden können, dann ist die Zeit dafür reif, dass sich an einigen Orten ein Leben nach den Gesetzen einer neuen weiterführenden Struktur zu zeigen beginnt. Aber wie können diese unbekannten neuen Strukturen, diese neue Art des Miteinanders, der Urteilsbildung aussehen und wie können sie  geschaffen werden?

Grundsätzlich gilt: Da jeder Mensch ein Ich, ein Zentrum besitzt kann er eigenständig denken. Aufgrund der Erfahrung des eigenen Zentrums kann er auch schöpferisch tätig sein und seine Umgebung und sich selbst entsprechend seiner Wünsche gestalten. Die Menschen in Europa haben diese Fähigkeiten zwischen 1300 und 1600 n.Chr. entwickelt. Nun müssen nicht mehr gleiche Erfahrungen wie in der Herdenstruktur die Grundlage der Interaktionen bilden.  Die  Grundlage für die Interaktion bildet nun nicht mehr  das gleiche Lebensgefühl.

Innerhalb der neuen Struktur erbaut jeder Einzelne die zu bildende Gemeinschaft, indem er sich mit der gewählten Idee eigenständig auseinandersetzt und aus ihr heraus denkt und handelt. Diese Idee bildet im Weiteren die unsichtbare Mitte, der Gruppe, die fortwährend weiter aufgebaut wird. Hören die Mitglieder damit auf, diese Idee selbstmotiviert zu erforschen und im Alltag umzusetzen, dann löst sich diese Gemeinschaft auf.

Von Bedeutung ist, dass die Gruppenbildung nun die gleiche Struktur zeigt, wie das Bewusstsein des Menschen, das ebenfalls in seiner Mitte ein Zentrum aufweist, das Ich. Ihre Struktur beginnt damit zunehmend ein Abbild der Struktur des Menschen zu werden.

Hiermit entstehen erfreuliche und belebende neue Möglichkeiten

4. Zur praktischen Umsetzung

Heute werden Vereine meist in dieser Weise gebildet. Hier stehen wir in unserer Entwicklung. Der nächste Entwicklungsschritt erfolgt, indem ein lebendiger  Bezug zur Idee aufgebaut wird und eine Nähe zu ihr entsteht. Bildlich kann dies so ausgedrückt werden: Eine Mitte ist bereits geschaffen worden. Damit entstehen neue Möglichkeiten, wie mehr Toleranz.  Aber diese Mitte ist noch nicht aktiv tätig und hat ihre Arbeit noch nicht aufgenommen. Das ist auch gar nicht möglich, da  keine ausreichende Vorstellung über die Natur der Ideen existiert. Da diese Mitte zu schwach ist, werden z.B. Vereine immer wieder von der alten Struktur der Herdenbildung überlagert. 

Aber wie kann eine Idee vorgestellt werden? Beginnen wir die Ausführung mit dem, was die Idee nicht ist. Eine Idee in  der ihr eigenen Potenz, die potente Idee ist ganz und gar nicht ein, aus subjektiven Phantasien und Begehrlichkeiten in mehr oder weniger logischer Weise zusammengefügter Gedankenkomplex. Dies ist sie nicht!  Wer sich auf eine Idee konzentriert, der blickt auf einen Anfang, auf das was wir später einmal in Materie ausgedrückt, um uns herum sehen und erleben werden. So ist sie der Urgrund und das Urbild. - Aber bin nicht auch Ich der Anfang, wenn ich schöpferisch tätig bin? Die potente Idee und Ich selbst sind der Anfang von zwei Seiten betrachtet.

Mit der Idee erblicken wir die Form, die Struktur und mit dem Ich erfahren wir das Sein. Meine Erfahrung bestätigt diese Nähe von Ich und der potenten Idee. Das Ich beginnt mit der  Bildung meiner Vorstellung von der Idee der Harmonie, mit meiner künstlerischen Darstellung, aktiv zu werden, d.h. der Mensch wird zunehmend schöpferisch tätig und entfaltet seine Talente. Mit diesem Schritt benötigt er die Herdenstruktur nicht mehr und kann aus ihr heraustreten.

Diese Gemeinschaft steht und fällt  mit dem lebendigem Bezug ihrer Mitglieder zu dieser Idee. Der Bezug zu der Idee verbindet sie miteinander. Eine Vielfalt und das Fremde ist nun erwünscht. Schwierigkeiten entstehen jedoch, wenn Personen, die eine Herdenstruktur suchen ein Mitglied einer solchen neuen Gemeinschaft werden. Heute wünschen immer mehr Menschen solche das Individuum fördernde Strukturen. Somit besteht der Wunsch, dass  sowohl Gemeinschaften im Sozialen, in Kultur und Wirtschaft in dieser Weise organisiert werden. Dies ist aber nicht einfach so, weil man es so will möglich und auch nicht mittels noch so kluger spitzfindiger intellektueller Theorienbildung umzusetzen. Forschung, neue Fähigkeiten, neues Wissen und eine neue Kapazität werden benötigt.

In den Projekten wird eine solide Grundlage für eine Toleranz ohne Selbstaufgabe und ohne Gleichgültigkeit geschaffen.