1. 1. Was ist Erziehung und wer erzieht?  -  1. 2. Sympathie und Erziehung  -   1. 3. Wir und das Leben

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1. Zur Erziehung

1. 1. Was ist Erziehung und wer erzieht?

Das Wort «educaris» stammt aus dem Lateinischen und bedeutet «du wirst gebildet, ernährt und erzogen». Die Eltern, Kindergärtner und die Lehrer sind die wichtigsten Bezugspersonen des Heranwachsenden. Sie wirken durch ihre Art zu denken, zu fühlen und zu handeln, formend auf die Psyche und auch auf den Körper ein, auch sind sie verantwortlich für die Qualität der Ernährung und leiten die Kinder zu unterschiedlichen Handlungen an. Äußerlich betrachtet helfen sie ihnen die praktischen Fähigkeiten, die für die Bewältigung des Alltages benötigt werden, zu erwerben. Erziehung ist, abstrakt formuliert eine Einwirkung von Außen auf den Betreffenden und soll zu bestimmten Zielen führen. Sie unterscheidet sich von einer Dressur dadurch, dass sie den Willen des zu Erziehenden fördert, während bei der Dressur der eigene Wille durch einen fremden ersetzt wird.

Treffen wir nun einige Unterscheidungen. Wodurch unterscheidet sich ein Erzieher von einem Lehrer und von einem Therapeuten? Beginnen wir mit der Unterscheidung zwischen dem Lehrer und dem Erzieher. Das Ziel der Förderung ist beiden gemeinsam. Der Erzieher fördert, indem er die benötigten Lernräume bereitstellt, so dass erfahrend die nächsten Lernschritte gegangen werden können und indem er Grenzen in der Form von Regeln setzt. Er wirkt auf den Willen ein, aber er dressiert nicht. Er unterwirft das Kind nicht seinem eigenen persönlichen Bedürfnis wie nach Nähe oder Kontrolle, dies wäre Missbrauch, sondern er hilft dem Kind seine Impulse beherrschen zu lernen und sich in harmonischer Weise in die Gemeinschaft einzufügen.

Im Unterschied dazu vermittelt der Lehrer logische Zusammenhänge, führt den Lernenden erlebend an neue Erkenntnisse heran. Der Lehrer spricht die Sinne einbeziehend, den Verstand an, während der Erzieher die Sinne ansprechend auf den Willen einwirkt. Der eine erklärt, während der andere in die Erfahrung führt.

Wie unterscheidet sich nun der Therapeut vom Erzieher? Jeder Mensch hat eine gewisse Lebenskraft zur Verfügung, sie zeigt sich in der Lebensfreude. Aus unterschiedlichen Gründen ist diese beim kranken Menschen nicht mehr ausreichend vorhanden. Der Unterschied zwischen einem Therapeuten und einem Erzieher kann anhand eines Vergleiches veranschaulicht werden. Auf den kranken Menschen wirkt das passende Medikament gesundend, während ein Medikament für einen gesunden Menschen ein Gift ist und er auf die Einnahme mit einer Erkrankung reagiert. Der Erzieher und der Lehrer, sie beide arbeiten mit  Gesunden. Innerhalb ihres Arbeitsbereiches ist die Anwendung von therapeutischen Maßnahmen unpassend und sogar schädlich. So kann in einem therapeutischen Gespräch die  Kommunikationsform der paradoxen Intervention heilend wirken, während sie in der pädagogischen Begegnung manipulierend und zerstörerisch wirkt.

Ist der Mensch erwachsen geworden, dann hört die Erziehung nicht auf, denn nun tritt er in den Kindergarten des Lebens ein.

1. 2. Sympathie und Erziehung

Erzieht nicht, unabhängig von allen Erziehern jeden von uns das Leben selbst? Erzieht es nicht durch das Schicksal, durch die Situation in die wir hinein geboren werden und durch all die Ereignisse, die wir folgend erleben werden?  Wir entwickeln uns durch Erfahrung, durch das was wir erleben und das Ergebnis wird dann Lebenserfahrung genannt. Jedoch bestehen große Unterschiede in der Fähigkeit zu lernen. Manche Menschen begehen immer wieder denselben Fehler und können scheinbar nicht klug werden, während andere schnell lernen. Wenn ich auf das Bildungssystem, auf die wirtschaftlichen und die politischen Verhältnisse schaue, dann entsteht der Eindruck, dass die Fähigkeit aus Fehlern zu lernen heute gestört ist. Woran kann dies liegen?

Allgemein gilt, wie gut oder wie schlecht wir lernen können ist von der Beziehung zum Lehrer abhängig. Liebt der Schüler den Lehrer dann geht das Lernen leicht, ist die Beziehung jedoch gestört, dann bauen sich meist Blockaden auf. Übertragen auf das Leben, bedeutet dies, dass die Fähigkeit aus den Erfahrungen lernen zu können, von unserem Verhältnis zum Leben d.h. zur Umgebung abhängig ist. Wir benötigen eine positive Beziehung zur Umgebung, um in befriedigender Weise aus den Erfahrungen lernen zu können.

Wer den anderen in seiner Entwicklung fördert, der wird geliebt.

1. 3. Wir und das Leben

Wer sich darüber orientieren will wo er im Leben steht, der benötigt die Fähigkeit zur Reflektion. Aber wie reflektiere ich? Diese Frage stellt sich vielleicht mancher Leser. Wie dies aussehen kann, wird folgend dargestellt. Als Beispiel dient die Art des Umgangs mit dem Satz „Jeder ist seines Glückes Schmied”. Dieser Satz ist heute beliebt und wird viel verwendet. Er besagt, dass jeder sein Glück oder Unglück selbst schmiedet, was sicherlich den Tatsachen entspricht. Allerdings  scheint niemand zu bemerken, dass wir keine Kenntnis darüber besitzen, wie Glück entsteht.

Gerade die Psychologie tut so, als ob sie Aussagen darüber machen kann, wie Glück geschaffen wird. Als Psychologin muss ich jedoch sagen, dass der Wissenschaft aus meiner Sicht  bisher die Grundlagen auf denen beurteilt werden kann, wie ein glückliches Schicksal geschaffen wird, fehlen. So kann die Psychologie zwar beschreiben wie Leiden entsteht, aber Glück ist sicherlich nicht einfach ein Mangel an Leiden. Wer unfähig ist Leid zu erleben, zu leiden, der erfährt eine große Empfindungslosigkeit, Glück ist das aber nicht. - Auf der einen Seite beobachten viele Menschen, dass unglückliche Schicksale immer mehr zunehmen und gleichzeitig gehen viele Manager, Lehrer, Politiker, Pfarrer und Ärzte zu Psychotherapeuten und lassen sich von ihnen darin schulen, ein glückliches Schicksal zu kreieren. Sie wenden nun ihre neue erworbenen Fähigkeiten im Beruf an. Dies müsste logischer Weise dazu führen, dass wir zunehmend eine menschliche, umweltverträgliche und sinnvolle Wirtschaft, ein erfreuliches Bildungssystem, heilendes Gesundheitswesen und freies Geistesleben entwickeln. Glückliche Schicksale würden immer mehr zunehmen. Dies stimmt aber nicht mit den Beobachtungen überein. Mit Hilfe dieser Analyse wird gezeigt, dass die Psychologie bisher nicht die Kompetenz entwickelt hat ein glückliches Schicksal zu gestalten und dass sie sich diese Inkompetenz bisher nicht eingesteht.

 

Was ist Glück, zufriedenheit

Das Eingeständnis darüber, dass bisher gar keine solide Kenntnis darüber besteht wie "Glück geschmiedet" wird, bleibt meist aus. Dies verhindert, dass sich die Menschen auf die Suche begeben oder weiter suchen. " Wer suchet der findet." Auch dieser Satz ist nach meiner Erfahrung wahr. Anstelle sich auf die Suche zu machen, - nach den Gesetzen des Schicksals, nach den Wegen wie uns das Leben erzieht, anstatt dessen geschieht dann etwas ganz anderes. 

Interessanter Weise wird der Satz "Jeder ist seines Glückes Schmied" nun als Aufforderung interpretiert, den anderen in möglichst geschickter Weise so zu manipulieren, dass er genau das tut was ich will, wobei die Manipulation nicht bemerkt werden soll. Hierfür wird die Kraft der Vorstellung und der Gedanken missbraucht. Nicht selten ist eine solche Manipulation erfolgreich und der andere handelt dann genauso wie beabsichtigt. -  Wer nun nicht realisiert, dass er manipuliert, der kann sich dann tatsächlich einbilden, die Kunst ein glückliches Schicksal schmieden zu können zu beherrschen.  Auf diese Weise wird jedoch kein glückliches Schicksal gestaltet, sondern die Grundlage für zukünftiges Unglück gelegt.

Zuvor ist dargestellt worden, dass in der Regel derjenige zufriedenstellend lernen und sich erziehen lassen kann, der seinen Lehrer b.z.w. seinen Erzieher liebt, eine sympathische Beziehung zu ihm hat. Wer jedoch in dieser oder ähnlicher Weise seine Umgebung bewusst oder unbewusst manipuliert, der hat ein antipathisches Verhältnis zum anderen und damit zum Leben. In einer sympathischen Beziehung schalte ich niemals den Willen des anderen aus. Eine Aggression wird benötigt, um in dieser Weise handeln zu können. Dies zeigt sich auch in der Wirkung. Beim Manipulierten wird die Verbindung zu sich selbst blockiert oder sogar teilweise zerstört.

Manchmal meint der Manipulierende sogar den anderen zu lieben, aber sein Tun spricht eine andere Sprache. Immer häufiger zeigt sich genau dieses Verhältnis zum Leben, mit immer subtiler werdenden Methoden drücken Menschen ihm ihren persönlichen Willen auf und dies wird dann <das eigene Glück schmieden> genannt. Wer sich in einem solchen Verhältnis zum Leben befindet, der kann nicht aus den Lebenserfahrungen lernen. Er ähnelt einem Schüler der seinen Lehrer ablehnt und deshalb nicht lernen kann.

Ohne die Fähigkeit zur Reflektion können wir uns nicht entwickeln und nicht erziehen.